Fri 29th September 2017 - 16:56

Fallstudie: Europäische Standards für offene Bildungs- und Lernressourcen

Können Sie uns etwas über sich und Ihre Arbeit erzählen?

Ich heiße Marc Beutner und bin Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftspädagogik II an der Universität Paderborn. Ich bin verantwortlich für Studiengänge für Lehrkräfte in der Berufsbildung und Kontakte zu allgemeinbildenden und beruflichen Schulen. Ich war auch als Berater für offene Bildungsressourcen (Open Educational Resources – OER) für den Bildungsausschuss des Landtags von Nordrhein-Westfalen tätig.

Meine Forschungstätigkeiten umfassen den Bereich der beruflichen Aus- und Weiterbildung (BAW) sowie der Jugend- und Erwachsenenbildung. Meine Forschungsschwerpunkte sind europäische Bildungsprojekte, Lehrplangestaltung, E-Learning, M-Learning (Mobile Learning), Serious Games, OER und

Entrepreneurship Education.

Außerdem habe ich das Projekt „Creating European Standards for Open Education and Open Learning Resources“ (EU-StORe) ins Leben gerufen.

Worum geht es bei dem Projekt EU-StORe?

Die Hauptziele des EU-StORe-Projektes sind:

  • Konzeptualisierung und Umsetzung eines europäischen Verzeichnisses offener Bildungsressourcen (Open Education Resources – OER)
  • Analyse offener Lernszenarien und offener Bildungsressourcen
  • Entwicklung von gemeinsamen europäischen Standards und Richtlinien für Open Learning

Das Projekt wurde von einem internationalen Konsortium im Rahmen des Programms Erasmus+ ausgearbeitet, wobei der Schwerpunkt auf die berufliche Aus- und Weiterbildung gelegt wurde. Das Projekt lief 24 Monate: von Anfang September 2014 bis Ende August 2016.

Meine Kollegin, Frau Prof. Carmen Duse von der Lucian Blaga Universität von Sibiu (Rumänien), war die Projektkoordinatorin. Unsere Projektpartner kamen von sieben Institutionen aus sechs EU-Ländern: Deutschland, Irland, Italien, Malta, Rumänien und Großbritannien. Das Konsortium setzte sich aus vier Universitäten, einem technischen Partner, einem mittelständischem Unternehmen mit Schwerpunkt auf Bildung sowie aus einem Forschungs- und Entwicklungsinstitut zusammen.

Wie kam es zu der Idee, das EU-StORe-Projekt zu starten?

Open Education und OER zählen tatsächlich zu den wichtigsten Bildungsthemen der EU. J. M. Pawlowski führte in seinem Zukunftskonzept Open Education 2030 aus, dass es für Europa von entscheidender Bedeutung ist, eine grenzübergreifend zusammenarbeitende Community zu fördern, um Bildung auf dem globalen Markt erfolgreich zu vertreiben. Dazu unterbreitete er sechs Vorschläge:

  • Erstellung eines Verzeichnisses von OER und offenen Bildungspraktiken (OEP)
  • Integration bestehender Communitys
  • Integration von Lehrplänen/Curricula
  • Schaffung regionaler Netzwerke
  • Schaffung globaler Outreach-Programme
  • Unterstützung von Strategien und Richtlinien für Open Education

Damit Open Learning Resources und Open Learning erfolgreich sein können, sollten sie in ganz Europa frei angeboten werden. Während dies eine echte Gelegenheit ist, einer breiten Gruppe an interessierten Lernenden, Lehrenden und Ausbildern Bildung frei zugänglich zu machen, gibt es keine Qualitätssicherung für die Kurse, Lehrmaterialien und offenen Maßnahmen. Und da kommt nun das Projekt EU-StORe ins Spiel.

Das Projekt basiert auf den Empfehlungen von Pawlowski und der EU und umfasst eine Bestandsaufnahme der OER.

Wie sind Sie bei der Durchführung des Projektes vorgegangen?

Während der Projektdurchführung wurden die gesammelten Online-Lernressourcen und offenen Kurse von Experten analysiert und Standards für offene Lernaktivitäten erstellt, die als Maßstab für die Gewährleistung einer hohen Qualität dienen. In der Folge wurden Richtlinien für die Schaffung offener Lernszenarien und die Bewertung bestehender offener Lernaktivitäten und OER entwickelt.

Um diese Informationen in der europäischen Lern-Community verbreiten zu können, wurden die Standards und der Ressourcenbestand auf einer Online-Plattform veröffentlicht. Diese dient auch als Basis für die Förderung der Lehrplangestaltung und von regionalen Netzwerken. Durch die Kombination der Richtlinien und Standards mit Grundsatzpapieren können auch die Ministerien, die Europäische Kommission sowie Multiplikatoren im Bereich Bildung in ganz Europa einbezogen werden.

Warum ist die Qualität der Open Education so wichtig? Und welche Probleme stellen sich dabei?

OER sind ein wichtiger Aspekt der zukünftigen Bildung. Manche davon sind öffentlich frei zugänglich, während andere unter einer Lizenz veröffentlicht wurden. Diese Lizenzen ermöglichen normalerweise die freie Nutzung oder die Weiterverwendung durch andere. Für die Bildung in Europa eröffnen sich dadurch unzählige Möglichkeiten zur Förderung von Bildungsaktivitäten. Darüber hinaus ist es nicht immer nützlich oder erforderlich, neue Lehr- und Lerninhalte zu erstellen, wenn bereits qualitativ hochwertige Ressourcen vorhanden sind. Das spart den Lehrkräften Zeit und gibt ihnen die Möglichkeit, sich auf die pädagogischen Aspekte ihrer Arbeit zu konzentrieren.

Für OER gilt der Grundsatz der Überprüfung, Wiederverwendung, Neuzusammenstellung und Neuverbreitung. Dadurch ist es möglich, bestehende Materialien anzupassen und zu verbessern oder auch Originalmaterialien zu verwenden, um neue Unterlagen zu erstellen. Auch können Kopien erstellt und der Austausch von Informationen und Ressourcen erleichtert werden. Die Bezeichnung „Open Educational Resources“ umfasst daher komplette Kurse, ausgewählte Kursmaterialien (Arbeitsblätter usw.), Kursstrukturen und -beschreibungen, komplette Module, aber auch Videos, Software und Test-Tools, E-Books usw.

Ein wichtiger Aspekt dabei ist, dass OER frei zugänglich sind, was Bildung attraktiver und zugänglicher macht. Aber hierin besteht auch die Herausforderung. Viele Lehrende verwenden Texte, Bilder und andere Ressourcen direkt aus dem Internet, aber manche der Materialien, die sich über Google oder auf Lernplattformen finden lassen, sind urheberrechtlich geschützt. Darüber hinaus ist die Qualität der OER nicht immer gut. Aus diesem Grund haben wir EU-StORe geschaffen, um Lehrkräften die Prüfung bestehender Materialien zu erlauben und ihnen die Möglichkeit zu geben zu erkennen, welche Bildungsressourcen frei bzw. nicht frei zugänglich sind und welche von geringer bzw. von hoher Qualität sind.

Mit welchen größeren Problemen waren Sie im Zuge Ihres Projektes konfrontiert und wie haben Sie sie gelöst?

Während des Projektes gab es nicht viele Probleme oder Herausforderungen, denn unsere Partner waren alle begeistert und verlässlich dabei. Ein Problem allerdings war die Streichung der Mittel für Nachhaltigkeit, die uns überrascht hat. Nachhaltigkeit ist bei jedem Projekt ein wichtiger Punkt, weshalb wir ihn auch in den Arbeitsplan des Projekts aufgenommen haben. Aber dann wurde die Finanzierung dieses Teils des Arbeitsplans gestrichen. Wir wollten aber dennoch dafür sorgen, dass EU-StORe ein nachhaltiges Projekt ist, und mussten daher sehr viel mehr eigene Arbeit leisten. Schließlich konnten wir alles umsetzen, was wir im Rahmen des Projektes zugesichert hatten: Wir haben die Standards entwickelt, Vorzeigeprojekte festgelegt und die Bewertungsplattform aufgebaut.

Wie mir schien, hatten sehr viele Personen in den verschiedenen nationalen Agenturen, aber auch die Evaluatoren, mit denen wir gesprochen haben, wenig Kenntnis im Bereich OER. Das war manchmal eine Herausforderung, denn wir mussten daher sehr viel eigene Arbeit leisten, ohne große Unterstützung von außen. In vielen europäischen Ländern scheinen die Regierungen nicht wirklich zur Nutzung von OER in der Bildung anzuregen oder die Lehrkräfte darin zu schulen, OER zu verwenden.

Welche messbaren Ergebnisse brachte das Projekt mit sich?

Die Plattform ist immer noch aktiv, und wir suchen derzeit nach Möglichkeiten, um bestimmten Institutionen die Integration von mehr Daten und die Bewertung anderer OER zu ermöglichen.

Die wichtigsten Ergebnisse sind:

  • Forschung zu OER
  • EU-StORe-Standards – Qualitätskriterien
  • OER-Datenbank und OER-Verzeichnis
  • OER-Bewertungsplattform, die in die Online-Plattform integriert ist
  • EU-StORe-Grundsatzpapier
  • Ergebnisse der Akzeptanzbewertung
  • Vorzeigeprojekte und Szenarien für die Nutzung von OER in der Bildung
  • Druckausgabe des EU-StORe-Buchs
  • Online-Handbuch zu EU-StORe

Wir haben die Kriterien den verschiedenen Kammern, Bildungseinrichtungen und Ministerien sowie dem Bildungsausschuss des Landtags von Nordrhein-Westfalen vorgelegt.

Wie haben Sie persönlich von diesem Projekt profitiert?

OER sind mein Forschungsschwerpunkt und somit war es für mich von großem Vorteil, an einem Projekt in diesem Bereich zu arbeiten. Ich konnte viele Menschen kennenlernen, die sich ebenfalls leidenschaftlich für Open Educational Resources einsetzen, und ich konnte mein berufliches Netzwerk ausbauen. Es war großartig, dass ich ein Buch zu OER veröffentlichen konnte und ich nun in meinen Vorlesungen neue Informationen und Daten präsentieren kann.

Besuchen Sie die Website des EU-StORe-Projekt

Hilfe zu den Sprachen